Doping aus „niederer“ Sicht

So erlebe ich es seit rund 15 Jahren: Empfehle ich den Eltern begabter Kinder den Wechsel von unserer Schwimmschule in den Vereinssport, wertet man das zwar zunächst als Auszeichnung für den Nachwuchs, hat dann jedoch sofort schwerwiegende Gegenargumente parat.
Zuerst sind nach wie vor ablehnende Meinungen zu einem nicht kindgerechten Trainings- und Wettkampfaufwand sowie zur womöglich angestrebten Konzentration in Sportgymnasien usw. zu hören (die leider nur schwer zu entkräften sind) und anschließend heißt es immer wieder:
„Und wer garantiert, dass unser Kind nicht als angebliches Talent über Nahrungsergänzungsmittel und regelmäßige sportärztliche Begleitung in den Dopingsumpf hinein rutscht? Nein, das wollen wir nicht!“

Es sind keineswegs „esoterisch verblendete, weltfremde Träumer“, sondern vielmehr normale, klar denkende und in der Realität verwurzelte Eltern, oftmals sogar mit einer eigenen sportlichen Erfolgshistorie – also genau die Art Elternschaft, welche zu meiner Trainerzeit das Rückgrat des Leistungssports bildete, nicht nur als ständige Unterstützer und Motivatoren ihrer Kinder, sondern auch als vielfältige Helfer der Mannschaft, sowie als Fahrer und Kampfrichter bis hin zum Übungsleiter.
Die Folge ist, dass nicht etwa Kinder dem Schwimmsport verloren gehen – nein, sie kommen dort gar nicht erst an – und mit ihnen meist die ganze Familie nicht, die negative Haltung wird im schlimmsten Fall sogar auf den gesamten organisierten Sport übertragen. Eine fatale Entwicklung. Nur der Vereinssport bemerkt davon nichts. Daher zeigen sich nicht wenige Übungsleiter und Trainer recht erstaunt und betroffen, wenn ich dieses Thema in meinen Vorträgen anspreche.
So geschehen vor zehn Jahren bei der Jahrestagung der Deutschen Schwimmtrainervereinigung, der ich mich immer noch sehr verbunden fühle, dort viele Trainer aus allen Leistungsbereichen kenne und schätze. Heftiges Grübeln verursachte bei mir am Ende der Tagung das Verhalten eines führenden Trainers sowie seines Sohnes: Zunächst gab der Sohn (Spitzensportler im Masterbereich) seine Meinung zu den „menschenverachtenden“ Dopingkontrollmethoden bei großen Wettkämpfen zum Besten und erklärte mir, dass man heute auch in den oberen Ebenen größerer Unternehmen „nur noch mit Hilfe von Chemie“ bestehen könne – „das ist heute Standard, überall!“ war seine Aussage. Er sollte es wissen, denn beruflich ist er in der Führungsriege eines deutschen Großkonzerns tätig.
Auf dem Weg zum Parkplatz zupfte mich dann der Vater am Ärmel und erklärte mir, dass man ihn ja auch schon einmal lange Zeit in Verdacht hatte – man konnte ihm aber nichts nachweisen! Und es hatte für ihn einen sehr positiven Nebeneffekt: In dieser Zeit wurde so oft in der Presse über ihn berichtet, dass sein Geschäft parallel dazu auf einer einmaligen Erfolgswelle schwamm.
So erhielt mein Glaube an einen sauberen Sport, den man Eltern ohne Bedenken für ihre Kinder empfehlen kann, einen weiteren Knacks. Seither setze ich gelegentlich schon morgens im Badezimmer die Brille auf, um zu kontrollieren, ob ich im Spiegel einem überempfindlichen Dino begegne, der unfähig ist, sich der Neuzeit anzupassen.

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