Am Südpol zu Hause

Zwei mal kam der Brief mit den Buchungsunterlagen an Familie Cardenas als unzustellbar zurück.
Verständigungsprobleme; bei uns spricht nicht jeder spanisch und Herr Cardenas hatte noch ein paar Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache.
Im dritten Anlauf kam der Brief an und wenige Tage später waren die drei Cardenas-Brüder beim Probeschwimmen.
Ricardo, der älteste 10 Jahre, der für seine Brüder Benjamin, beinahe 6 Jahre und Gustavo, nahezu 4 Jahre übersetzte so gut er konnte, denn auch er verstand noch längst nicht alles.
Aber besonders Gustavo, ein kleiner stämmiger Kerl mit einer riesigen, schwarzen Lockenpracht verstand offenbar trotz großer Konzentration kein Wort von mir.
Auch später im Kurs sah er mich nur immer aus seinen dunklen großen Augen an, wandte sich dann hilfesuchend an Ricardo oder blieb clever bis zuletzt vor dem Wasser stehen, um sich die Aufgabe bei den anderen Kindern abzuschauen. Er zeigte das typische Verhalten der Kinder, die erstmalig mit dem Wasser in Kontakt kommen: Er ging die Sache vorsichtig, gelegentlich auch skeptisch, aber nicht ängstlich, eher neugierig und wenn er sich überzeugt hatte, auch mutig an.
In der Gruppe war Gustavo der Jüngste, um den sich Ricardo mit großer Ausdauer bemühte. Es war immer wieder faszinierend, diese geduldige, selbstverständliche Hilfsbereitschaft unter den Brüdern zu erleben. Ebenso rührend war es, die Freude der Mutter – und ein mal pro Woche beider Eltern – aus den Augenwinkeln zu verfolgen, wenn sie voller Stolz ihren Jungen mit anerkennenden Gesten  weiter Mut machten.
Bei allen zuschauenden Eltern hinter der Scheibe sorgte Gustavo ständig für Heiterkeit, weil er nach jedem noch so geringen „Untertauchen“ oder kleinstem Sprung auch den letzten Wassertropfen wie ein kleiner Dackel mit heftigem und andauerndem Kopfschütteln aus seiner Lockenpracht beförderte. Er ist einer, den alle sofort in ihr Herz schließen, einer zum „Klauen“.
Am Ende des Kurses schafften die beiden Großen auf Anhieb ihr Seepferdchenabzeichen, Gustavo schwamm die ersten Meter, sprang allein und tauchte, aber es reichte noch nicht ganz. Aber das Kopfschütteln war vergessen, denn auch er hatte gelernt, dass man nur mit nassen Haaren, die man ja „vorzeigen und anfühlen“ lassen musste, dünnere Schwimmflügel bekam.
Nach dem Kompaktkurs wechselten die Brüder gemeinsam in die Aufbaustunden am Montag zu Bärbel. Ricardo und Benjamin sind inzwischen stolze Besitzer des Bronzeabzeichens  und Gustavo hat kurz vor Weihnachten das Seepferdchen geschafft. Am liebsten schwimmt er gedankenverloren in sich gekehrt auf dem Rücken und ist jedes mal erstaunt, wenn er schon wieder am Rand ist. Nichts kann ihn aus der Ruhe bringen. Und Ricardo, Bärbel und alle anderen können noch so sehr zur Eile mahnen, er wird nicht aus dem Wasser kommen, bevor er noch einmal untergetaucht ist.
In der Zwischenzeit hat auch Frau Cardenas bei mir das Schwimmen gelernt. Zunächst wollte ich nicht recht glauben, warum eine so sportliche Spanierin nicht Schwimmen kann. Der Grund war aber sehr einleuchtend:
Familie Cardenas stammt nicht, wie vermutet, aus dem warmen Spanien, sondern aus Chile. Und dort leben sie in der südlichsten Stadt der Welt, in Punta Arenas, gegenüber Feuerland und damit fast schon in direkter Nachbarschaft zur Antarktis, wo Herr Cardenas an der Universität als Forscher im Bereich Elektrotechnik tätig ist und nun für vier Jahre als Doktorant an der TU Harburg arbeitet.
In Punta Arenas gibt es kein öffentliches Schwimmbad und draußen sollte man das Schwimmen lieber nicht versuchen.
Schön, dass man in unserem Beruf derart interessante Menschen kennen lernen kann.
Danke, Familie Cardenas.

 

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