Sicherheitskomponenten der Aquapädagogik

Straßenverkehr und Ertrinken zählen bei Kindern nach wie vor zu den häufigsten Unfallursachen. Auffallend ist, dass seit Ende der 60er Jahre offizielle Statistiken eine Senkung der Verkehrsopfer um über 80% belegen, während die Ertrinkungszahlen stagnieren – nur die Qualität des Sommers macht hier den Unterschied. Angesichts dieser Entwicklung bezeichnet Uwe Legahn die Sicherheitskomponenten seines Konzepts in Anlehnung an ihre vergleichbare Bedeutung im modernen Automobilbau als „Airbag“, „Sicherheitsgurt“, „Kopfstütze“ und „Knautschzone“ des Schwimmens.

Airbag

Den„Airbag“der Aquapädagogik bildet die Schreckreflexumkehr, die im Notfall zuverlässig und lebensrettend die allermeisten Schwimm- und Badeunfälle verhindert.
Als körperliche Reaktionen im Verlauf einer „Schrecksekunde“ werden meist kurze Angststarre, Handlungsunfähigkeit und stockender Atem genannt – die Luft wird angehalten. Dabei übersieht man das reflexartige Einatmen vor der Atemblockade als notwendige „Auftaktphase“, die an Land völlig bedeutungslos, im Wasser jedoch einzig und allein entscheidend ist.
Erleben ungeübte, unsichere Schwimmer ein plötzliches Untertauchen, saugen sie sich an Stelle des schreckhaften Einatmens im ersten Sekundenbruchteil das Wasser schmerzhaft in die Atemwege hinein – sie durchleben den Schreckreflex! Das löst sofortige Panik aus, die zu Unfällen führt. Daher hat die Umkehr des Schreckreflexes in der Aquapädagogik oberste Priorität. Sie gelingt zuverlässig, wenn die Kinder in einem engen Zeitraum möglichst viele bewusste und selbst kontrollierte kleine Tauchversuche mit aktivem, kräftigem Ausatmen im Moment des Eintauchens ausführen. Dabei ist das Ausatmen („Pusten“) aus Sicht der Kinder nur ein selbstverständlicher Bestandteil jedes Sprunges. Obendrein „verstecken“ die Kinder das Gesicht noch einmal in der Mitte des Beckens und kurz vor dem Hinausklettern unter Wasser – dabei immer rechtzeitig und kräftig genug pustend!
In den siebenwöchigen Anfängerkursen mit dreimaligem Unterricht pro Woche finden weit über tausend Tauchversuche statt und bewirken die zuverlässige Umkehr des Schreckreflexes. Mit der Schreckreflexumkehr erwerben Anfänger eine Art zweiten Atemschutzreflex und bewältigen kritische Situationen souverän. Für die Sicherheit ist das ebenso bedeutsam wie der angeborene Atemschutzreflex beim frühen Babyschwimmen.

Sicherheitsgurt

Die Fähigkeit des passiven Schwimmensrangiert bei den Sicherheitskomponenten an zweiter Stelle und ist der„Sicherheitsgurt“im Wasser.
Sämtliche Aktivitäten an Land bieten diverse Chancen den Schongang einzulegen, wieder zur Ruhe zu kommen und so lange passiv zu sein, bis man mit neuem Elan fortfahren kann. Doch gerade dort, wo es schnell ernsthaft dramatisch werden kann – im Wasser – wird den Anfängern bislang keine vergleichbare, lebensrettende Möglichkeit zum Kraftschöpfen mit auf den Weg gegeben. Um gefährliche Situationen – und auch die folgenden Momente! –  erfolgreich zu meistern, sollten Kinder in der Lage sein, sich „im Wasser ausruhen“ zu können. Dazu eignet sich zunächst allein die Rückenlage, die bereits in den ersten Stunden mit allen Anfängern intensiv geübt wird. Die Kinder lernen, wenn nötig nur passiv, aber dennoch besonders sicher zu schwimmen und gleichzeitig mit Hilfe von Beinbewegungen bei geringstem Kraftaufwand Vortrieb zu erzeugen.

Kopfstütze

Die Rückenlage gilt ferner als „Kopfstütze“ des Schwimmens.
Aufgrund ihrer meist noch sehr ungünstigen Kopf-Körper-Relation, wird sie den Drei- bis Fünfjährigen mittels kindgerechter Übungsformen und Aufgabenschwerpunkte mitgegeben.
Wie bereits beschrieben, gelingt es den kleinen Kindern nur sehr kurzzeitig, bäuchlings in der Waagerechten liegend (wie beim Brustschwimmen) den Kopf über das Körperniveau (also über das Wasser) zu heben. Auch der relativ kurze Hals und die für solche Aktionen noch zu schwache Nacken- und  Schultermuskulatur sowie die ungünstigen Hebelverhältnisse der Arme lassen das nicht anders zu.
Daher bietet sich in dieser Altersklasse das Rückenschwimmen für das Strecken- und Ausdauerschwimmen, das passive Schwimmen sowie für notwendige Auszeiten an.
Die Bauchlage bleibt zunächst mehr oder weniger den Start-, Orientierungs- und Ankunftsphasen vorbehalten. Dabei kommen die Armbewegungen zwar meist schon der Grobform des Brustschwimmens, die Beinbewegungen aber eher dem Strampeln oder Laufen, nicht selten bereits dem Kraulbeinschlag nahe. So bewegen sich die Kinder in einer leicht erlernbaren – weil entwicklungsgerechten und natürlichen – Mischform. Gegen derartige Mischformen setzt sich aktuell die DSV-Führung ein – man will bereits bei der Prüfung zum “Frühschwimmer/Seepferdchenabzeichen” deutlich erkennbar eine Grobform des Sportschwimmens verlangen. Die kritischen Pädagogen setzen sich dagegen im Hinblick auf frühe Sicherheit in einem Basisbereich vehement für „frei wählbare“ Bewegungsmuster ein.
Die Aquapädagogik bringt von Anfang an realitätsnahe Organisationsformen mit sehr hoher Übungsintensität und „provozierter Enge“ zur Anwendung. Wellen, Spritzwasser und kleine Karambolagen gehören dazu. Diese Art „Knautschzone“, verbunden mit dem realen Hineinwachsen in die wichtigsten Grundregeln, fördert bei den Schwimmschülern neben der Sicherheit auch Selbständigkeit und Verantwortungsbewusstsein. So gelingt es, das Risiko drastisch zu minimieren und Kinder dennoch so früh und realitätsnah wie möglich an das normale Getümmel im Strandbad heranzuführen.
Der Watersafetytest der Aquapädagogik macht seit 2014 das Ergebnis des Konzepts deutlich. Bei einem konstruierten, plötzlichen Fall ins Wasser demonstrieren die Kinder nicht nur den Effekt der Schreckreflexumkehr, sondern gleichzeitig die sofortige Orientierungsfähigkeit unter Wasser sowie das Beherrschen des passiven Schwimmens. Videoaufzeichnungen des Tests sowie ein Trailer des Lehrfilms zum Konzept sind hier zu sehen: https://vimeo.com/97819007

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